Die neuen Vorstände der Aktion Mensch
Seit Mai 2009 gibt es bei der Aktion Mensch mit Armin v. Buttlar und Martin Georgi zwei hauptamtliche Vorstände, die von einem sechsköpfigen, ehrenamtlichen Aufsichtsrat kontrolliert werden. Armin v. Buttlar ist für die Bereiche Finanzen, Lotteriebetrieb, Personalwesen und IT zuständig. Martin Georgi verantwortet das Lotteriemarketing, die Förderung, Kommunikation und Aufklärung.

Gemeinsam Trends setzen
Eine lange Tradition mit neuen Ideen verbinden
Seit Mai 2009 führen Sie die Aktion Mensch als gemeinsamer Vorstand. Welche Eindrücke haben Sie in den ersten Monaten gewonnen?
Armin v. Buttlar: Unsere Basis ist sehr stabil. Wir haben ungemein motivierte Mitarbeiter, die sich mit der Aktion Mensch identifizieren und über umfassendes fachliches Wissen verfügen. Und es gibt viele Menschen, die uns kennen und mögen. Diese starke Position wollen wir ausbauen.
Martin Georgi: Es ist wichtig, dass die Aktion Mensch weiter wächst - nur dann können wir unsere beiden Schwerpunkte Förderung und Aufklärung weiterentwickeln. Über dieses Engagement werden wir künftig auch verstärkt informieren. Unser Ziel ist, die Organisation noch transparenter zu gestalten. Dazu gehört beispielsweise, die Zahlen erstmals in einem Jahresbericht offenzulegen.
Sie sind die größte private Förderorganisation in Deutschland. Was macht die Aktion Mensch so erfolgreich?
Armin v. Buttlar:
Unser Geschäftsmodell ist sehr zukunftsfähig: Die Aktion Mensch erhält zwar auch Spenden, finanziert sich aber in erster Linie über ihre Lotterie. Unsere Kunden haben nicht nur eine Gewinnchance und damit einen persönlichen Nutzen. Sie wissen auch, dass ihr Geld einem sinnvollen Zweck zugutekommt.
Deshalb die Botschaft: "Das Wir gewinnt"...
Martin Georgi: Das ist die Klammer für alle, die bei uns mitmachen. Ob Lotteriekäufer, Aktivist oder Mitarbeiter: Wir ziehen alle an einem Strang und gewinnen aus dem sozialen Bezug und aus unserer inhaltlichen Arbeit.
Armin v. Buttlar: Das gilt auch für unsere Mitglieder, die sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege und das ZDF. Sie tragen dazu bei, dass wir uns auf dem sozialen Markt sehr gut auskennen. Außerdem hatten wir von Anfang an das ZDF als Medienpartner, um die Marke Aktion Mensch in Deutschland bekannt zu machen.
Die Soziallotterie besteht seit 45 Jahren. Welche Bedeutung hat diese Tradition?
Martin Georgi: Unsere Geschichte zeigt, dass die Aktion Mensch sich immer weiterentwickelt hat. Wir sind in den sechziger Jahren als Aktion Sorgenkind gegründet worden - damals hat der Contergan-Skandal auf das Schicksal behinderter Menschen aufmerksam gemacht. Im Laufe der Zeit ist immer deutlicher geworden, dass die Betroffenen keine Sorgenkinder sein wollen. Sie möchten so akzeptiert werden, wie sie sind, und an der Gesellschaft teilhaben. Diese Botschaft haben wir mit unserer Namensänderung vor zehn Jahren in die Gesellschaft getragen.
Um sich für ein solidarisches Miteinander einzusetzen, brauchen Sie eine solide finanzielle Basis. Wie gehen Sie mit dem zunehmenden Wettbewerbsdruck auf dem Lotteriemarkt um?
Armin v. Buttlar: Als größte Soziallotterie in Deutschland sind wir bis 2008 zehn Jahre lang stark gewachsen. Wir haben also eine starke Marktposition. Die Tradition, von der Herr Georgi gerade gesprochen hat, bleibt auch künftig ein klarer Vorteil: Wir müssen nicht alles neu erfinden. Aber wir müssen den anstehenden Herausforderungen wie der zunehmenden Digitalisierung begegnen. Mit dem Internet hat der Wettbewerb der Lotterien stark zugenommen. Doch obwohl die Rahmenbedingungen schwierig sind, hatten wir 2009 eine stabile Umsatzentwicklung.
Martin Georgi: Seit Inkrafttreten des Glücksspielstaatsvertrages dürfen wir unsere Lose nicht mehr über das Internet verkaufen. Das ist eine große Einschränkung, und wir wünschen uns von der Politik, dass wir als Soziallotterie von dem Verbot befreit werden.
„Wir setzen uns für Inklusion ein –
und das bilden auch die geförderten Projekte ab.“
Haben Sie bereits konkrete Pläne, wie Sie sich künftig aufstellen werden?
Armin v. Buttlar: Auf jeden Fall sind Innovationen notwendig, und zwar in allen Bereichen: zum Beispiel wenn es darum geht, Kunden zu gewinnen und vorhandene Kunden zu binden. Wir werden neue Zielgruppen erschließen, indem wir verstärkt jüngere Menschen ansprechen.
Martin Georgi: Gleichzeitig tut die Aktion Mensch alles, um Bestandskunden zu binden. Wir bekommen sehr viele positive Rückmeldungen, aber wir wollen noch besser werden - etwa indem wir unsere Kunden aktiv ansprechen oder besser darüber informieren, wie wir unsere Lotterieerlöse verwenden. Letztlich geht es darum, dass der Kunde das sympathische "Wir" einfach spürt.
Welche Themen bewegen Sie in der Förderung?
Martin Georgi: Unsere Unterstützung ist für viele Antragsteller noch wichtiger geworden, weil die öffentliche und kirchliche Förderung zurückgeht. Das darf uns allerdings nicht davon abhalten, vermehrt Schwerpunkte zu setzen. Wenn wir uns beispielsweise für die Inklusion behinderter Menschen in die Gesellschaft einsetzen, müssen das auch die geförderten Projekte abbilden. Das Gleiche gilt für Themen wie ehrenamtliches Engagement oder die Kinder- und Jugendhilfe.
Wie setzen Sie das um?
Armin v. Buttlar: Wir haben unsere Förderrichtlinien überarbeitet. In Zukunft werden wir stärker Initiativen fördern, die nachhaltig angelegt sind und neue Perspektiven eröffnen: Bei jedem Antrag wollen wir hinterfragen, was das Projekt tatsächlich für die Menschen bewirkt. Außerdem ist es wichtig, die einzelnen Aktionen miteinander zu vernetzen, um auf gesellschaftlicher und politischer Ebene etwas zu bewegen.
International ist die UN-Konvention über die Rechte für Menschen mit Behinderungen ein wichtiges Thema …
Armin v. Buttlar: … das wir in den Alltag tragen müssen! Leider bleibt die UN-Konvention viel zu häufig Schlagwort. Die Aktion Mensch setzt sich dafür ein, die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen zu verändern und damit die Gesellschaft selbst zu verändern.
Martin Georgi: Letztlich geht es um ganz praktische Dinge: um die Bedingungen in der Schule, um Wohnformen, den Zugang zum Arbeitsmarkt oder um ehrenamtliches Engagement. In allen diesen Bereichen fördern wir innovative Ansätze. Das bedeutet beim Thema Wohnen beispielsweise, dass wir uns für gemeindenahe Modelle einsetzen, bei denen behinderte Menschen als Teil der Gesellschaft leben. Dabei arbeiten wir mit den freien Trägern der Wohlfahrtspflege zusammen.
Ihr zweiter Schwerpunkt ist die Aufklärung. Setzen Sie dort ebenfalls auf Fokussierung?
Armin v. Buttlar: Auf jeden Fall. Momentan decken wir eine sehr große Bandbreite an Themen ab, das hat sich so entwickelt. Künftig sollen die Aufklärungsprojekte nicht für sich stehen, sondern mit der Förderung verknüpft sein. Gerade wenn es um die Themen geht, mit denen wir uns stark beschäftigen: die Behindertenhilfe und -selbsthilfe sowie die Kinder- und Jugendförderung.
„Um das einmalige Geschäftsmodell der
Aktion Mensch auszugestalten, sind entsprechende
rechtliche Rahmenbedingungen unverzichtbar.“
Sie wollen also Synergien schaffen?
Martin Georgi: Das tun wir jetzt schon, und es funktioniert hervorragend. Ein Beispiel ist der 5. Mai, der Europäische Protesttag für Menschen mit Behinderungen. Ursprünglich ging es darum, wie sich das Thema Behinderung im Grundgesetz verankern lässt. 2010 wird die UN-Konvention im Mittelpunkt stehen. Als Aktion Mensch entwickeln wir kreative Ideen, wie deren Botschaften sich auf der Straße kommunizieren lassen, und bieten den mitwirkenden Vereinen und Initiativen dafür Aktionspakete.
Armin v. Buttlar: Ein weiteres Beispiel ist das Thema Internet: Die Anregung für unser Projekt Biene, eine Auszeichnung für barrierefreie Webseiten, ist von Menschen mit Behinderungen ausgegangen. Wir haben das aufgegriffen und mit ihnen gemeinsam weiterentwickelt. Auf diese Weise sind Standards entstanden, die inzwischen auch viele große Unternehmen aufgegriffen haben. Das Beispiel zeigt sehr gut, was Aufklärung bewirken kann.
Es geht darum, Missstände aufzudecken …?
Martin Georgi: Sicher. Mit unseren Aufklärungsprojekten mischen wir uns in aktuelle Diskussionen ein und machen auf Probleme aufmerksam. Als unabhängige Organisation müssen wir dabei auch die Auseinandersetzung nicht scheuen. Unser Ziel ist nicht, Aufklärung als intellektuellen Selbstzweck zu betreiben. Es geht uns vielmehr darum, den Menschen zu zeigen, wie sie selbst aktiv werden können.
Armin v. Buttlar: Im Idealfall führt das dazu, dass viele Bürger mitmachen - und unsere Projekte noch erfolgreicher sind. Um eine innovative Förderpolitik zu betreiben, brauchen wir die Aufklärung. Diesen Zusammenhang wollen wir künftig transparenter machen.
Welche Aufgaben wird die Aktion Mensch in den nächsten Jahren haben?
Armin v. Buttlar: Wir haben ein einmaliges Geschäftsmodell, und das werden wir ausgestalten. Dafür benötigen wir entsprechende rechtliche Rahmenbedingungen - das ist unser Wunsch an die Politik. Wir selbst wollen innovativer werden. Zum Beispiel indem wir die Attraktivität der Lotterie weiter steigern. Dadurch schaffen wir eine starke Basis für unser wichtigstes Ziel: sozial und gesellschaftlich noch mehr zu bewirken.
Martin Georgi: Wir werden uns weiter für eine Gesellschaft einsetzen, in die sich jeder Mensch nach seinen Fähigkeiten einbringen kann. Unsere Aufgabe ist es, immer wieder zu hinterfragen, welchen Beitrag unsere Projekte dafür leisten und ob es neue Themen gibt, die wir aufgreifen müssen.
